unterwegs

Montag, 6. Februar 2006

Zurück aus Wien

Vierundzwanzig Stunden Fahrerei für achtundfünfzig Stunden Aufenthalt - man mag streiten ob das ein sinnvolles Verhältnis ist. Aber Wien ist schon ganz nett, hier also in Kürze meine Eindrücke:

Der Wiener Schmäh ist tatsächlich reichlich gewöhnungsbedürftig, insbesondere wenn man aus dem Rheinland kommt. Der Wiener an sich versteckt sich zumeist hinter einer grantelnden Fassade, das darf man wohl nicht so ernst nehmen.

Die Sprache hat in meinen Ohren nicht die schönste Klangfarbe, die man sich vorstellen kann. Zum Glück gewöhnt man sich trotzdem relativ flott daran, ich hab stets alles verstanden und auch einige schöne neue Wörter gelernt: Fisole oder Trafik zum Beispiel.

Die Architektur ist natürlich aller Bewunderung wert, hier kann man erahnen wie die großen deutschen Städte heute aussehen würden, wenn sie nicht komplett zerbombt und danach nur noch funktional wieder aufgebaut worden wären. Allerdings wird alles Moderne irgendwie ausgespart und kommt mir zu kurz. Man will ja nicht in einem Museum leben.

Das Bier ist harnteibender als jegliche Holland-Plörre, schmeckt aber dafür ganz gut.

Der Prater erinnerte mich an die romantische Heruntergekommenheit von Cony Island, NY. Zudem hat dort im Winter fast nichts geöffnet. Immerhin kamen wir in den Genuss bei -10° auf einem 70 Meter hohen Kettenkarussell kostenlos fahren zu können, auf dem ich mir a) die Pfoten blaugefroren hab und b) die ganze Zeit Sorgen ob der dünnen Ketten im Verhältnis zu meinem Gewicht und der auf mich einwirkenden Fliehkräfte machte.

Der Stephansdom. Als Kölner kann mich verständlicherweise keine andere gothische Kathedrale beeindrucken. Dafür haben die nen Aufzug drin und die Innenausstattung ist auch heimeliger.

Samstag, 4. Februar 2006

On the Nighttrain

Lange nicht mehr so lange Zug gefahren. 12h im Eurocity von Köln nach Wien, Hauptstadt einer kleinen Alpenrepublik. Respekt an die ÖBB, dass man hier noch richtige Abteile kennt und nicht diesen Hort intimer Zurückgezogensheit zugunsten zugiger Großraumwaggons geopfert hat. Das Abteil teilte ich mir mit nur einem Mitreisenden, so dass genug Platz war. Norbert, so hiess mein Begleiter, war 42 und Berliner im Exil. Bereits vor 15 Jahren verliess er seine verhasste Heimatstadt und zog an den Niederrhein. Wir palaverten Biertrinkend und erzählten uns aus unseren Leben, wobei er durchaus mehr zu erzählen hatte. Inzwischen wohnt er in der äusserten Ostslowakei, an der ukrainischen Grenze, in einem kleinen Bergkaff. Die Liebe hat ihn dorthin verschlagen, mühsam lernt er gerade die Sprache. Zum Arbeiten pendelt er regelmäßig nach Deutschland, bundesweit schafft er auf Baustellen - harte, ehrliche Arbeit. Dazu passte, dass er selber drehte, Schwarzer Krauser, der Tabak für Unempfindliche. Er berichtete von Hong Kong, wo er bei der Flughafenerweiterung mithalf, einkaserniert in mit Stacheldraht umzäunten Wohncontainern, ohne nur einmal in die City zu dürfen, monatelang. Er berichtete von seinen drei Kindern von drei Frauen, die er niemals sah, von denen er ausser der Kontoverbindung nichts wusste, das erste mal Vater wurde er mit 16, damals in Reinickendorf mit seiner Jugendliebe, die ihn noch schwanger verliess. In der Slowakei sei alles besser als in Deutschland, vor allem billiger. Das Bier in der eigenen, von der Frau geführten Kneipe kostet 40 Cent, ein Haus will er bauen, bevor der Euro eingeführt wird, dann wird ja alles teurer, kennt man ja. Zwei Jahre muss er dafür noch schuften, dann kann er sich dort selbständig machen und die Pendelei hat ein Ende. 24 Stunden dauert seine Reise nach Hause, fliegen geht nicht, weil alles eingeschneit ist. Wir besaufen uns, teilen das Bier und verstehen uns prima - trotz der gravierenden Unterschiede. Wieviel Persönliches man manchmal wildfremden Menschen, die man nie wieder sehen wird, anvertraut, ist schon eigenartig. Aber wahrscheinlich ist es gerade diese Unverbindlichkeit, die einen eine seltsame Art von Vertrauen aufbauen lässt. Am Wiener Westbahnhof endete meine Reise, für ihn war erst die Hälfte des Weges zurück gelegt. Ein kurzer Händedruck und schon liefen zwei vollkommen unterschiedliche Leben wieder auseinander.

Freitag, 30. Dezember 2005

Guten Rutsch!

Dieses Jahr muss man den Ausspruch wohl wörtlich nehmen. Als Kölner ist man ja nicht gerade an Schnee gewöhnt, die Kölner Bucht ist immer ein paar Grad wärmer als die Umgebung, so dass nur selten mal was liegen bleibt. klick für groß Nun liegt hier aber schon seit Tagen Schnee und eben ist noch jede Menge dazugkommen - ohne dass ich es mitbekommen hätte. Irgendwann ging ich ins Bad und durfte miterleben, wie ein Blizzard durchs offene Fenster stob und schon das ganze Zimmer unter Wasser gesetzt hatte. Der Blick nach draussen zeigte, dass Unmengen Schnee gefallen waren. Damit dürfte sich die morgige Fahrt zu Dülp nach Mannheim zu einer ziemlichen Rutschpartie entwickeln. Euch allen einen guten Übergang ins WM-Jahr und bis Montag!

Dienstag, 6. Dezember 2005

Nuhr nicht irritieren lassen

Versuchsanordnung: man lade das neueste, noch nicht gehörte Programm von Dieter Nuhr auf seinen iPod und fahre dann das Programm hörend mit der Straßenbahn. Durch die zum ersten Mal gehörten Pointen stellt sich ad-hoc ein Amüsiergefühl ein, welches sich erst durch Grinsen, dann durch mühsam unterdrücktes Kichern und schließlich durch lautes Lachen äußert. Die mitreisenden Menschen erfahren allerdings lediglich die Wirkung und nicht die Ursache, können folglich keinen Kausalzusammenhang herstellen. Die Testperson, in dem Falle ich, kann nun (weiterlachend) nur die Mimik der Umstehenden zu deuten versuchen, die zwischen Ratlosigkeit, Unverständnis, Überraschung bis hin zu blanker Ablehnung tendierte.

Mittwoch, 30. November 2005

Geschenk des Tages

Da im Moment ja alle die Zeitenwende hin zur 30 machen, muss man sich nun auch ständig Gedanken um Geschenke machen. Also, warum nicht einfach mal die erstbeste Schnapsidee (besser gesagt Bieridee) in die Tat umsetzen. "Komm, schenken wir dem Harry mal nen ordentlichen Schinken." meinte Hork bei meinem Geburtstagstrinken and here we go. Die Idee wurde mit jedem Schluck besser, so dass ich eben in die Feinkostabteilung vom Karstadt gefahren bin und folgendes dreipfündiges Prachtexemplar besorgt hab. Heute Abend werden wir also nen schönen Schinken schenken. Why not!?

nicht billig, aber gut!

Montag, 7. November 2005

Rätsel des Alltags

Heute: Frühaufsteher.

Eben im Intercity: der Zug, der selbstverständlich 18 Minuten Verspätung hatte schiebt sich gerade über die nördliche Stadtgrenze nach Köln hinein. Man passiert die Stadtteile Stammheim und Mühlheim und sofort stehen ca. 30 Leute im Waggon auf und stellen sich mitsamt ihres umfangreichen Gepäcks in den Gang. Und stehen da rum. Dass die Fahrt noch locker 10 Minütchen dauern kann ist ihnen entweder unbekannt oder wird ignoeriert. Mir kann das ja prinzipiell am Arsch vorbeigehen, ich konnte in der Zeit noch ein komplettes Interview mit Dave Gahan lesen. Aber die Motive dieser Frühaufsteher würden mich schon mal interessieren. Haben die Angst, dass die Türen im Hauptbahnhof nur für eine Nanosekunde geöffnet werden und sie erst in Frankfurt, Heidelberg oder Stuttgart aussteigen können? Oder wollen sie den Mitreisenden frühzeitig signalisieren, dass sie den Zug verlassen werden? Vielleicht gibt es ja eine Prämie für den ersten, der Kölner Boden betritt, wer weiß. Sachdienliche Hinweise nimmt die Kommentarspalte entgegen.

Freitag, 21. Oktober 2005

"Good morning out of the cockpit"

Ich dachte immer Piloten müssten Englisch können aber das ist wohl genau so ein Mythos wie der, dass alle Taxifahrer Ortskenntnis haben müssen. Immerhin kam ich fliegenderweise in den Genuss von ein wenig Sonnenschein an diesem trüben Herbsttag, da ich nach ewigen Zeiten mal wieder einen Fensterplatz hatte. Zudem offenbahrte sich die Heimat beim Landeanflug und einer abschließenden Schleife in ihrer ganzen Pracht. Der mächtige Vadder Rhein schlängelt sich vom hügeligen Siebengebirge in Richtung platter Niederrhein. Köln selbst: Sim City, der unten nervtötende Stau auf der A1 zwischen Leverkusen und dem Autobahnring sah von oben aus wie eine herrliche kleine Verkehrssimulation, die jemand ordentlich verbockt hatte. Die Herausragenden Sights: Dom, Fernsehturm und Kölnturm bilden die innerstädtische Triangel und überall das Gewusel von Matchbox-Autos. Leben als Simulation - ich will GoogleEarth live!

Überhaupt sind viele Viertel als solche zu erkennen, natürlich gibt es oft fließende Übergänge, doch die markanten Ringe, Gürtel und Kanalstraßen (vom Rhein ganz abgsehen) zerschneiden mit den großen Ausfallstraßen die Stadt portionsweise in appetitvolle Häppchen in den Geschmacksrichtungen Ehrenfeld, Sülz/Klettenberg oder Deutz. Überhaupt wirkt das größte Dorf Deutschlands soviel überschaubarer als das vor einer Stunde verlassene Berlin. Dort lerne ich noch, wo man den Unetrschied zwischen Kreuzberg und Neukölln festmacht oder wo 36 aufhört und 61 anfängt. Wohlfühlen geht bei mir in beiden Cities problemlos, Berlin bleibt stets reizvoll, da es auch nach Jahren noch immer Neues zu bieten hat - neu muss aber nicht immer besser heißen. Zumindest weiß ich inzwischen dass ich, wenn schon, dann irgendwo am Görlitzer Park wohnen wollen würde. Klischeehaft, aber da ist es einfach sehr schön - auch wenn die Spree gegen den Rhein dermaßen verliert...

Netter Spruch zur Landung: "Wir wünschen Ihnen einen erfolgreichen Tag und bedanken uns, dass Sie mit Germanwings geflogen sind und nicht mit Hapag Lloyd Express.

Mittwoch, 19. Oktober 2005

Von der Realität überholt

Als ich hier vor einer Woche anläßlich der heute Abend stattfindenden Blog-Lesung schrub, ich könne ja nicht alle zwei Wochen nach Berlin pendeln, hätte ich nicht gedacht, dass das ", obwohl..." dahinter aktuell werden würde. In der Tat fliege ich gleich schon wieder nach B-Town, um dort morgen bei einem Verlag vorzusprechen. Ob ich auch zur Lesung komme ist trotzdem eher unwahrscheinlich, da ich morgen fit sein will und verpennt und -katert wären die Jobaussichten wohl eher gering. Und so ein Dschob an der schnieken Friedrichstraße ist ja mal nicht zu verachten. Dabei gibt es allerdings im Moment eigentlich Gründe eher im schönen Köln zu bleiben (you know who you are), aber in Zeiten wie diesen heisst Flexibilität wohl die Mutter des Erfolgs. Im Endeffekt muss der Job natürlich auch passen und wenn ich keinen Bock hab, sag ich auch ab. Man muss ja nicht alles machen. Also back to Berlin!

Dienstag, 18. Oktober 2005

Heute vor 13 Jahren...

...war ich in Dresden und das kam so: Irgendwann nach den Sommerferien 1992 fand wurde von unserer Schule für unsere Stufe eine Fahrt nach Norwegen angeboten. Erwartungsgemäß meldeten sich auf dieses Angebot mehr Leute als Plätze angeboten wurden. Also entschied sich die Stufenleitung eine weitere Fahrt anzubieten, speziell für die Leute, die bei Norge leer ausgingen. Als Alternativziel bot man Dresden an. Nunja, Fjords gab es dort meines Wissens nach nicht, aber immerhin tiefstes Ostdeutschland, wo ich in den zwei Jahren seit der Vereinigung noch gewesen war. Also fuhr ich mit und wartete mal ab, was die Stadt so brachte.

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Ich war damals knapp 17 und war stark an politischen Dingen interessiert, insbesondere Relikte aus der untergegangenen DDR reizten mich. Wie man links sieht hatte ich auch eines der damals angesagten Palitücher gekauft, das mir heute noch beim Motorradfahren gute Dienste leistet. Egal, so traf es sich gut, dass wir in einem ehemaligen Betriebskinderferienlager des "VEB Kalibetrieb Südharz" untergebracht wurden und auch Politik auf dem Programm hatten. So kamen Vertreter verschiedener Parteien, auch der PDS, um sich mit uns Wessis zu unterhalten. Aber wenn ich ehrlich bin, gings doch in erster Linie ums Feiern und dazu war die Neustadt sehr gut geeignet. Ich lernte einige sehr nette Leute aus kennen mit denen sich auch eine Freundschaft und Gegenbesuche entwickelten, leider existiert heute kein Kontakt mehr. Über den ganzen Trip hab ich damals noch in unserer subversiven Gegenschülerzeitung "Leveleleven" gebloggt geschrieben. Wen das pubertäre Geschreibsel interessiert, klickt auf die einzelnen Seiten:
1
, 2, 3.

Donnerstag, 6. Oktober 2005

So fucking offline, Baby!

Am Montag fuhren wir str8 outta Berlin-Rockcity ins zivilisatorische Gegenstück: die Eifel. Die Eifel ist - für Unkundige - ein Mittelgebirge im äußersten Westen der Republik. Dementsprechend dauerte dann auch die Hinfahrt mit Mitfahrtgelegenheit, Zug und Abholen am Bahnhof. In der dortigen Jagdhütte, in der ich schon so manche lazy days verbrachte, ist man so offline wie es nur geht. Das Haus, unweit der beligischen Grenze, liegt direkt am Waldrand ohne Nachbarn, ohne Strom, ohne fließend Wasser, ohne WC, und selbstredend ohne Telefon, Fax, Internet. Dafür gibt es aber Gaslampen, eine Wasserpumpe und ein super Plumpsklo ("Donnerbalken") und ab und an bekommt man gar ein Netz fürs Handy.

klick für groß

In anderen Worten konnte man dort herrlich von den Strapazen des Großstadtdschungels relaxen und biertrinkend durch die Gegend wandern. Allerdings bin ich durch die Stadt dermaßen versaut, dass ich sogar Angst vor Kühen habe. Wenn man so durch die Hügellandschaft an den Weiden vorbeilatscht kriegt man als unbedarftes Stadtkind schonmal leichte Panik, wenn sich so ein veritabler Jungbulle aufrafft und mit seinen ca. 650kg angaloppiert kommt und erst in letzter Sekunde ein paar Meter vor einem mit vierhufiger Vollbremsung zum Stehen kommt. Call me Weichei, aber vor meinem inneren Auge zog schon mein Leben an mir vorüber. Immerhin hatte ich keinen Schiss vor den Rehen und Füchsen, deren Wege wir kreuzten. Nach drei Tagen fehlten mir aber die Abgase, der Lärm und die Big City Nights. Und Köln bei Kaiserwetter ist ja auch ne sehr schöne Angelegenhweit.

Mehr Bilder aus Berlin und der Eifel gibt es bei Flickr.

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