Way back...

Dienstag, 25. April 2006

Die Meute

Jeden Freitag schlug die Meute nacheinander ab dem Spätnachmittag bei ihm in der Bude auf. Pech für ihn, dass er der erste mit einer eigenen Wohnung war. Ob er Lust hatte, Besuch zu empfangen war völlig unerheblich. Hatte er es sich gerade mit einem Buch oder Pornofilm gemütlich gemacht? Dann wurde halt so lange Sturm geklingelt bis er aufmachte. Das Leben eines Zivildienstleistenden besteht aus genug Freizeit, solche Dinge auch unter der Woche erledigen zu können. Das war zumindest allgemeiner Konsens der Besucher oder besser gesagt: Teilzeitbesatzer, Wohnbesetzer, Nassauer. Freunde eben. Und es war ja auch nicht so, als dass er sich dagegen gesträubt hätte. Nur wenn das vorige Wochenende einmal wieder die annähernde oder vollendete Verwüstung seines neuen Heims mit sich gebracht hatte, war er die ersten Stunden etwas gereizt bis pingelig penibel. Natürlich war klar, dass die Meute sich einen feuchten Kehricht um seine Belange scherte, nicht weil sie seine Gastfreundschaft nicht schätzten, sondern weil sie jung und wild waren – und spätestens ab 22h am Freitagabend auch viel zu dicht um etwa den Impact von Bongwasser auf einen Veloursteppich noch rational abschätzen zu können. Man konnte schon von aufopferungsvoller Aufmerksamkeit sprechen, wenn der Verursacher der stinkenden Pfütze in die Küche ging und ein Spültuch holte. Dieses wurde dann auf die Lache geworfen, zweimal mit den Stiefeln draufgestampft und fertig. Das musste für das Wochenende reichen.

Biernachschub wurde stets beim freundlichen Türken an der Ecke besorgt, der ein akzeptabel schmeckendes Billigbier zum Schleuderpreis anbot. Trotzdem reichten die Vorräte nie lange und allenthalben wurde ein dramatischer Schwund der sich im Kühlschrank befindlichen Flaschen verwundert festgestellt. Wenn sich der Hunger breitmachte mussten seine Vorräte auch mal dran glauben. Auch dies trug nicht unbedingt zu seiner guten Laune bei, wenn er am nächsten Morgen schwer verkatert erst einmal einkaufen gehen musste. Wenn alle Glück hatten und weiblicher Besuch da war, wurden sie aber auch mal Abends bekocht und wunderten sich, was aus den Resten noch gezaubert werden konnte. Gerockt wurde natürlich auch - zumindest ab und zu. Jedesmal wenn die Biervorräte zur Neige gingen fing die leidige Diskussion an. Am Anfang des Abends waren sich immer fast alle einig, dass man sich warm trinkt und dann noch um die Häuser zieht um in einem Rockschuppen zu enden. Ab 22h konnte man dann aber beobachten, was Physiker unter der Trägheit der Masse verstehen. Mit hanebüchenen Ausreden wurde oft versucht, den kollektiven Abmarsch in die Altstadt zu sabotieren oder zumindest soweit zu verzögern, bis selbst der Motivierteste einsah, dass es keinen Sinn mehr ergab noch aufzubrechen.

Ging man Abends noch weg, landete man meistens in den selben zwei Läden, was nicht an deren Qualität sondern an der geringen Auswahl lag. Das Bier dort war gepanscht, was aber im Zustand der Meute keiner mehr wirklich merkte oder schlimm fand. Zudem verstand der DJ unter Rockmusik eine äusserst breite Palette an Musik. Also musste man sich seine drei Minuten Soundgarden oder Korn hart mit Melissa Etheridge oder Lenny Kravitz erarbeiten. Auf den Hin- und Rückwegen fand zudem ein Kunstspringwettbewerb am Stammbusch statt. Dieser Busch war eigentlich ein Buchsbaum und federte Sprünge dermaßen gut ab, dass die betrunkene Meute sich in aberwitzigen Salti und Pirouetten an ihm verging. Seltsamerweise gab es nie Verletzte. Auf den Rückwegen aus den Clubs entwickelten einige Mitglieder zudem einen bizarren Sammeltrieb. Dieser führte zu einem Kuriositätenkabinett in seiner Wohnung. Dort fanden sich im Laufe der Zeit Langnese-Fahnen, Coca-Cola-Schilder, Busfahrpläne und als Höhepunkt ein Sonnenschirm nebst zentnerschwerem Sockel, der nachts um fünf noch die beiden Stockwerke hochgehievt wurde.

Dass solche Aktionen nicht ohne den entsprechenden Geräuschpegel zu absolvieren waren versteht sich von selbst. Die Nachbarschaft im Haus musste sich einiges anhören, was aber in der Regel ohne größere Beschwerden von statten ging. Die Nachbarn an sich waren größtenteils unbekannt, oft aber eher schlichter Natur. Bemerkenswert war die Nachbarin, die sich ihr Auskommen als Darstellerin in Pornofilmen verdiente. Im Gegensatz zur hergebrachten Meinung machte sie aber keinen Hehl aus ihrer Beschäftigung und hatte auch kein Problem damit, hochschwanger zur Arbeit zu gehen. Die Meute musste sich natürlich rein aus Interesse mal einen dieser Filme anschauen ("Ja, Meister!"). Den Streifen sah man zufällig in der Videothek stehen, während man auf dem Weg zu den Arthaus-Filmen war. Dummerweise klingelte es just dann an der Tür, als alle sich gröhlend vor dem Machwerk amüsierten. Vor der Tür stand der Ehemann der Nachbarin.

(wird fortgesetzt)

Freitag, 17. Februar 2006

"This is the 80s and Loc is down with the Ladies"

Meine Mitbewohnerin ist auf die beknackte klasse Idee gekommen, ihren nächstwöchentlichen Geburtstag mit einer Mottoparty "80er Jahre" zu feiern. Da es gleichzeitig Karnevalssamstag ist bittet sie die Gäste, sich in ein passendes Outfit zu kleiden. Da sie ein paar Jährchen jünger als ich ist neigt sie anscheinend dazu, dieses Jahrzehnt des schlechten Geschmacks zu verklären. Nein, die 80er waren nicht cool, auch nicht in der Retrospektive. Ich erinnere mich an Schulterpolster, "Vanilla 85"-Karottenjeans, Blazer mit hochgerafften Ärmeln, Aerobic-Stulpen auch bei alten Hausfrauen im Supermarkt oder Stonewashed-Jeansjacken. Auch sehr beliebt waren Stirnbänder: wo Ivan Lendl sich beim Tennis noch gerade so mit der Nützlichkeit herausreden konnte, sahen sie bei Isolde Tarrach einfach nur noch panne (80s-Wort) aus. Jugendliche waren in der Mehrheit Popper, die sich mit dem gerade neu erschienenem "Wet Gel" die Föhnwelle fixierten und über dem Lacoste-Polohemd einen Pulli auf den Schultern vor der Brust verknoteten. Punk war einigermaßen tot, die Neue Deutsche Welle hatte nach kurzer subversiver Zeit ruckzuck ihren Weg in die kommerzielle Verwertungsmaschine gefunden und wurde nach ihrer Zähmung gerne auch bei Heck's Hitparade gezeigt.
Es gibt echt nichts an diesem Jahrzehnt zu beschönigen und wer das tut, fand "Generation Golf" wahrscheinlich auch witzig. Aber wenn das Mädel das so feiern will, dann fügen sich die Burschen natürlich. Und wo zum Henker krieg ich jetzt Don Johnson's weißen Leinenanzug und die Slippers her?

Mittwoch, 7. Dezember 2005

Randgruppenselbsterfahrungstest

Im Dezember 1995 habe ich meinen Zivildienstlehrgang absolviert, der im schönen Witten-Herdeckte, am südöstlichen Rand des Ruhrgebiets, kurz vor dem Sauerland, stattfand. Dieser Lehrgang dauerte vier Wochen und war gerade so weit von zu Hause entfernt, dass es sich nicht lohnte nach Unterichtsende mit dem Auto dorthin zurück zu fahren. Wozu zum Geier hatte ich eigentlich den Wehrdienst verweigert, wenn ich trotzdem einkaserniert wurde? Zu allem Unglück hatte ich direkt am zweiten Tag Geburtstag und war heilfroh, dass zumindest ein flüchtiger Bekannter aus der Heimat mit am Start war, mit dem (und den "Stubenkameraden") ich mich an dem Abend betrinken konnte. Alkohol war sowieso die einzige Lösung, die Folterwochen zu überstehen. Der Campus - oder besser gesagt das ehemalige Schullandheim - lag auf einem Berg, die nächste City lag mit dem Auto 20 Minuten entfernt und leider lag soviel Schnee da oben, dass man ohne Schneeketten echt Probleme bekam und sich das Abenteuer für die freitägliche Ab- und montägliche Anreise reservierte.

Der Unterricht war nicht der Rede wert, es ging um die üblichen Vorgehensweisen bei Einschiffen, Oberschenkelhalsbrüchen, Erstickungserscheinungen, Dekubitus, Alzheimer, Multipler Sklerose, usw. Alles natürlich nur in der Theorie, also vollkommen unbrauchbar für die folgenden vierzehn Monate Praxis. Nach Unterrichtsschluss gegen 17h wurde dann zügig mit der Trinkerei angefangen, um dem schneematschgrauen Feierabendalltag zu entfliehen. Damals vertrug ich zwar recht viel, aber was da auf den Stuben weggesoffen wurde überstieg sogar meine von etlichen Hansa-Pils-im-Park-Besäufnissen trainiere Leberkapazität. Besonders in Zimmer 13 (Zufall?) war eine auf dem ganzen Gelände berüchtigte Alkoholikertruppe stationiert, die schon rein äußerlich eher zum Bund gepasst hätte. Zumindest hat sie mein damals noch ungetrübtes Bild des Zivis als idealstischen, pazifistischen, intellektiuell gut gerüsteten Bonvivant nachhaltig korrigiert. Es handelte sich um vier Kerle aus dem Coesfelder Kreis, die allesamt grobschlächtig und untersetzt waren, Oberlippenbart trugen und zudem eher wie 30 als wie 20 aussahen, vielleicht waren sie es auch. Einmal tranken wir Zimmerübergreifend mit einigen Leuten auf dem Flur, aber spätestens als sich zwei von denen nach dem Exen einer Flasche Schnaps quer über die Zimmerflucht übergaben, war mein Interesse an weiteren Get-togethers verflogen.

Absolutes Highlight der vier Wochen Zwangseinweisung aber war der Rollitest, die meisten Ex-Zivis unter den Lesern werden das kennen. In Zweiergruppen musste man mit einem Rollstuhl ausgestattet einen Tag lang Behinderter spielen, jeder mal für ein paar Stunden. Dazu verfrachtete man uns in Hagener Innenstadt und überließ uns unserem Schicksal. Zuerst setzte ich mich brav in den AOK-Chopper, immer daran denkend, dass ich ja meine Beine nicht bewegen durfte, selbst sie zu kratzen käme blöd, weil es einen da als Betroffenen nicht jucken konnte. Leider oder zum Glück war es an dem Tag ca. -10°C, so dass auch die blöde Wolldecke über meinen Beinen nichts half und ich mich nach einer halben Stunde tatsächlich querschnittgelähmt fühlte, da ich unterhalb des Rumpfes vor Kälte nichts mehr spürte. Mit der so noch realistischeren Simulationsprämisse ging es dann an so tolle Aufgaben, wie: "Erfahrt, wie entwürdigend es ist, über den Lastenaufzug in ein Geschäft im ersten Stock zu müssen" und ähnliche Episoden aus unserem in der Tat nicht besonders barrierefreien Land. Die Aufgaben sollten wir anhand einer Liste abarbeiten und bei aller Empathie für Leute mit diesem Handicap muss ich aber sagen, dass das alles Kokolores war, um es mal in der Sprache der Gegend zu benennen.

Natürlich ist die Hagener Fußgängerzone nicht die 5th Avenue und jeder halbwegs aufmerksame Zeitgenosse musste - spätestens nachdem wir die Rollen tauschten - merken, wo der Hase im Pfeffer lag. Nicht nur in den Geschäften, selbst auf der Strasse wurden wir nach unserem Schichtwechsel, als ich "endlich" schieben durfte, erkannt. "Na Jungs, habter getauscht?" rief uns ein Händler aus irgendeinem Stand fröhlich hinterher. Na super, nicht nur froren wir uns buchstäblich den Arsch ab, unser Tun hatte auch überhaupt keinen Sinn, da jeder Blinde unser Spiel längst durchschaut hatte. Also brachen wir beide das Experiment ab und verdufteten zur nächsten Glühweinbude am Hagener Weihnachtsmarkt. Dort stellten wir den Rolli in die Ecke und wärmten uns innerlich auf. Nach einigen Glühwein mit Schuß wurde die Rolli-experience dann doch noch richtig lustig, in dem wir neue Geschwindigkeitsrekorde in der Fußgängerzone aufstellten, diesmal wechselten wir ganz offensichtlich die Rollen und nicht in einer ruhigen Gasse wie zuvor, war ja nun eh alles egal. Zum Glück blieb es bei diesem einen Praktikum, das ursprünglich anvisierte "Blinder-geht mit-Begleitung-Spiel" wurde nach unseren Protesten mit Hinweis auf das Glatteis verworfen. So saßen wir den Rest der Tage bis Weihnachten und Lehrgangsende bei kühlem Bier in der warmen Stube auf dem wieder aufgewärmten Hintern ab.

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