Die Meute
Jeden Freitag schlug die Meute nacheinander ab dem Spätnachmittag bei ihm in der Bude auf. Pech für ihn, dass er der erste mit einer eigenen Wohnung war. Ob er Lust hatte, Besuch zu empfangen war völlig unerheblich. Hatte er es sich gerade mit einem Buch oder Pornofilm gemütlich gemacht? Dann wurde halt so lange Sturm geklingelt bis er aufmachte. Das Leben eines Zivildienstleistenden besteht aus genug Freizeit, solche Dinge auch unter der Woche erledigen zu können. Das war zumindest allgemeiner Konsens der Besucher oder besser gesagt: Teilzeitbesatzer, Wohnbesetzer, Nassauer. Freunde eben. Und es war ja auch nicht so, als dass er sich dagegen gesträubt hätte. Nur wenn das vorige Wochenende einmal wieder die annähernde oder vollendete Verwüstung seines neuen Heims mit sich gebracht hatte, war er die ersten Stunden etwas gereizt bis pingelig penibel. Natürlich war klar, dass die Meute sich einen feuchten Kehricht um seine Belange scherte, nicht weil sie seine Gastfreundschaft nicht schätzten, sondern weil sie jung und wild waren – und spätestens ab 22h am Freitagabend auch viel zu dicht um etwa den Impact von Bongwasser auf einen Veloursteppich noch rational abschätzen zu können. Man konnte schon von aufopferungsvoller Aufmerksamkeit sprechen, wenn der Verursacher der stinkenden Pfütze in die Küche ging und ein Spültuch holte. Dieses wurde dann auf die Lache geworfen, zweimal mit den Stiefeln draufgestampft und fertig. Das musste für das Wochenende reichen.
Biernachschub wurde stets beim freundlichen Türken an der Ecke besorgt, der ein akzeptabel schmeckendes Billigbier zum Schleuderpreis anbot. Trotzdem reichten die Vorräte nie lange und allenthalben wurde ein dramatischer Schwund der sich im Kühlschrank befindlichen Flaschen verwundert festgestellt. Wenn sich der Hunger breitmachte mussten seine Vorräte auch mal dran glauben. Auch dies trug nicht unbedingt zu seiner guten Laune bei, wenn er am nächsten Morgen schwer verkatert erst einmal einkaufen gehen musste. Wenn alle Glück hatten und weiblicher Besuch da war, wurden sie aber auch mal Abends bekocht und wunderten sich, was aus den Resten noch gezaubert werden konnte. Gerockt wurde natürlich auch - zumindest ab und zu. Jedesmal wenn die Biervorräte zur Neige gingen fing die leidige Diskussion an. Am Anfang des Abends waren sich immer fast alle einig, dass man sich warm trinkt und dann noch um die Häuser zieht um in einem Rockschuppen zu enden. Ab 22h konnte man dann aber beobachten, was Physiker unter der Trägheit der Masse verstehen. Mit hanebüchenen Ausreden wurde oft versucht, den kollektiven Abmarsch in die Altstadt zu sabotieren oder zumindest soweit zu verzögern, bis selbst der Motivierteste einsah, dass es keinen Sinn mehr ergab noch aufzubrechen.
Ging man Abends noch weg, landete man meistens in den selben zwei Läden, was nicht an deren Qualität sondern an der geringen Auswahl lag. Das Bier dort war gepanscht, was aber im Zustand der Meute keiner mehr wirklich merkte oder schlimm fand. Zudem verstand der DJ unter Rockmusik eine äusserst breite Palette an Musik. Also musste man sich seine drei Minuten Soundgarden oder Korn hart mit Melissa Etheridge oder Lenny Kravitz erarbeiten. Auf den Hin- und Rückwegen fand zudem ein Kunstspringwettbewerb am Stammbusch statt. Dieser Busch war eigentlich ein Buchsbaum und federte Sprünge dermaßen gut ab, dass die betrunkene Meute sich in aberwitzigen Salti und Pirouetten an ihm verging. Seltsamerweise gab es nie Verletzte. Auf den Rückwegen aus den Clubs entwickelten einige Mitglieder zudem einen bizarren Sammeltrieb. Dieser führte zu einem Kuriositätenkabinett in seiner Wohnung. Dort fanden sich im Laufe der Zeit Langnese-Fahnen, Coca-Cola-Schilder, Busfahrpläne und als Höhepunkt ein Sonnenschirm nebst zentnerschwerem Sockel, der nachts um fünf noch die beiden Stockwerke hochgehievt wurde.
Dass solche Aktionen nicht ohne den entsprechenden Geräuschpegel zu absolvieren waren versteht sich von selbst. Die Nachbarschaft im Haus musste sich einiges anhören, was aber in der Regel ohne größere Beschwerden von statten ging. Die Nachbarn an sich waren größtenteils unbekannt, oft aber eher schlichter Natur. Bemerkenswert war die Nachbarin, die sich ihr Auskommen als Darstellerin in Pornofilmen verdiente. Im Gegensatz zur hergebrachten Meinung machte sie aber keinen Hehl aus ihrer Beschäftigung und hatte auch kein Problem damit, hochschwanger zur Arbeit zu gehen. Die Meute musste sich natürlich rein aus Interesse mal einen dieser Filme anschauen ("Ja, Meister!"). Den Streifen sah man zufällig in der Videothek stehen, während man auf dem Weg zu den Arthaus-Filmen war. Dummerweise klingelte es just dann an der Tür, als alle sich gröhlend vor dem Machwerk amüsierten. Vor der Tür stand der Ehemann der Nachbarin.
(wird fortgesetzt)
Biernachschub wurde stets beim freundlichen Türken an der Ecke besorgt, der ein akzeptabel schmeckendes Billigbier zum Schleuderpreis anbot. Trotzdem reichten die Vorräte nie lange und allenthalben wurde ein dramatischer Schwund der sich im Kühlschrank befindlichen Flaschen verwundert festgestellt. Wenn sich der Hunger breitmachte mussten seine Vorräte auch mal dran glauben. Auch dies trug nicht unbedingt zu seiner guten Laune bei, wenn er am nächsten Morgen schwer verkatert erst einmal einkaufen gehen musste. Wenn alle Glück hatten und weiblicher Besuch da war, wurden sie aber auch mal Abends bekocht und wunderten sich, was aus den Resten noch gezaubert werden konnte. Gerockt wurde natürlich auch - zumindest ab und zu. Jedesmal wenn die Biervorräte zur Neige gingen fing die leidige Diskussion an. Am Anfang des Abends waren sich immer fast alle einig, dass man sich warm trinkt und dann noch um die Häuser zieht um in einem Rockschuppen zu enden. Ab 22h konnte man dann aber beobachten, was Physiker unter der Trägheit der Masse verstehen. Mit hanebüchenen Ausreden wurde oft versucht, den kollektiven Abmarsch in die Altstadt zu sabotieren oder zumindest soweit zu verzögern, bis selbst der Motivierteste einsah, dass es keinen Sinn mehr ergab noch aufzubrechen.
Ging man Abends noch weg, landete man meistens in den selben zwei Läden, was nicht an deren Qualität sondern an der geringen Auswahl lag. Das Bier dort war gepanscht, was aber im Zustand der Meute keiner mehr wirklich merkte oder schlimm fand. Zudem verstand der DJ unter Rockmusik eine äusserst breite Palette an Musik. Also musste man sich seine drei Minuten Soundgarden oder Korn hart mit Melissa Etheridge oder Lenny Kravitz erarbeiten. Auf den Hin- und Rückwegen fand zudem ein Kunstspringwettbewerb am Stammbusch statt. Dieser Busch war eigentlich ein Buchsbaum und federte Sprünge dermaßen gut ab, dass die betrunkene Meute sich in aberwitzigen Salti und Pirouetten an ihm verging. Seltsamerweise gab es nie Verletzte. Auf den Rückwegen aus den Clubs entwickelten einige Mitglieder zudem einen bizarren Sammeltrieb. Dieser führte zu einem Kuriositätenkabinett in seiner Wohnung. Dort fanden sich im Laufe der Zeit Langnese-Fahnen, Coca-Cola-Schilder, Busfahrpläne und als Höhepunkt ein Sonnenschirm nebst zentnerschwerem Sockel, der nachts um fünf noch die beiden Stockwerke hochgehievt wurde.
Dass solche Aktionen nicht ohne den entsprechenden Geräuschpegel zu absolvieren waren versteht sich von selbst. Die Nachbarschaft im Haus musste sich einiges anhören, was aber in der Regel ohne größere Beschwerden von statten ging. Die Nachbarn an sich waren größtenteils unbekannt, oft aber eher schlichter Natur. Bemerkenswert war die Nachbarin, die sich ihr Auskommen als Darstellerin in Pornofilmen verdiente. Im Gegensatz zur hergebrachten Meinung machte sie aber keinen Hehl aus ihrer Beschäftigung und hatte auch kein Problem damit, hochschwanger zur Arbeit zu gehen. Die Meute musste sich natürlich rein aus Interesse mal einen dieser Filme anschauen ("Ja, Meister!"). Den Streifen sah man zufällig in der Videothek stehen, während man auf dem Weg zu den Arthaus-Filmen war. Dummerweise klingelte es just dann an der Tür, als alle sich gröhlend vor dem Machwerk amüsierten. Vor der Tür stand der Ehemann der Nachbarin.
(wird fortgesetzt)
r0ssi - 25. Apr, 11:35
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