Art

Sonntag, 19. März 2006

"I'm only happy when I'm miserable"

Freitagabend kam Henry Rollins nach Köln und stellte sich auf die Bühne, um dem Publikum zwei Stunden lang aus seinem Leben zu erzählen. Gekonnt spannte er einen Bogen von Deutschland und seiner Bevölkerung über persönliche Urlaubserlebnisse bishin zu seinem Engagement für US-Soldaten. Letzteres war mir bekannt und leicht suspekt, ist aber nach seinen Ausführungen aber mit Anerkennung zu sehen. Dabei war Rollins stets äusserst eloquent und scheißelustig. Der Saal kam die meiste Zeit aus dem Lachen nicht mehr heraus, etwa wenn er von nächtlichen Wal-Mart-Erlebnissen oder fast eine Stunde lang von seinem Trip mit der Transsibirischen Eisenbahn erzählte. An sein rasend schnelles Englisch hatte man sich dann auch schnell gewöhnt, seine Bush-Parodien waren ebenso brilliant wie seine Verkörperung einer russischen Schaffnerin. Ein rundum gelungener Abend! Jetzt fehlt nur noch ein neues Album der Rollins Band, während ich warte werde ich mich mal um sein umfangreiches literarisches OEuvre und SpokenWord-CDs kümmern.

Donnerstag, 2. März 2006

Don't try this at home

Vorgestern war ich lecker einkaufen. Dabei hatte ich einen ziemlichen Hunger, da es bereits nach 18h war und ich bis kurz davor katerbedingt noch nicht in der Lage war, feste Nahrung zu mir zu nehmen. Man mag mir dies nachsehen, handelte es sich schließlich um den Tag nach Rosenmontag und wie jedes Jahr meinen ersten persönlichen post-karnevalistischen Get-Sober-Day. Dass sich eine Vielzahl der Kölner, darunter die Teilnehmer des Sülzer Veedelszuch, der direkt vor unserer Haustür vorbeizieht, nicht darum scherten, ist natürlich klar. Aber die Hauptsache ist ja, dass die Geschäfte wieder wie gewohnt offen hatten. Also erstand ich beim nördlichen Albrecht-Bruder in einem Anflug von schlechtem Gewissen wie gewohnt folgende gesunde Lebensmittel.

gesunde Lebensmittel

Wie man sieht liegt mir eine Menge an verantwortungsvoller Ernährung. Frei Nach dem Motto "Der Körper, Dein bester Freund" gab es frisches Obst und Gemüse, Körnerbrot und - naja, kommt halt auch vor - eine Packung Dosensuppe und Miracoli-Derivat für die Gummiwoche (letzte Woche des Monats, wenn das Geld knapp wird). Ganz rechts, über dem Apfel-Direktsaft liegt allerdings eine Packung des größten anzunehmenden kulinarischen Unfalls (GAKU).

Currywurst

Ja, richtig. Es handelt sich um ein Produkt, welches Johann Lafer die Tränen des Zorns in die Augen treibt und die Abscheu seines gesamten Berufsstandes provoziert: fertige Currywurst! Ich weiß, es kann eigentlich nichts artifizielleres unter den Convenient-Produkten eines Supermarktes geben, ausser vielleicht Pfannkuchenpulver in Mixflaschen. Currywurst, alleine das Wort steht für Pottkultur, fettige Buden vor Stahlwerken und Kreuzberg ist ohne Original-Currywurst kaum vorstellbar. Bei jedem Besuch in der Hauptstadt genehmige ich mir als erstes zwei Stück - eine mit und eine ohne Darm und schön scharf bittesehr! Schauen wir mal genauer hin:

Currywurst

Na wenn das nichts ist, mit stilechtem Piekser aus Holz und Curry-Gewürz, 220g Spitzenqualität aus echter Böklunder Rostbratwurst. Genau das hat mich bei Aldi herausgefordert. Immer nur gegen fertige Currywurst zu lästern ist ziemlich unglaubwürdig, wenn man nie die Probe aufs Exempel gemacht hat. Wer weiß, vielleicht steckt ja hier das Know-how aus 100 Jahren Currywursterei drin und ich habe es bislang nicht bemerkt, welch eine Freude wäre das!? Erstmal wird die Verpackung entfernt:

Currywurst

Der "Snack" (erinnert mich irgendwie an RaiderTwix, die Schrift) kann also im siedenden Wasserbad in 12 Minuten erhitzt oder in 2,5 Minuten in der Mikrowelle auf Temperatur gebracht werden. Da ich ja neuerdings besonders "Ungeduldig&Jähzornig" bin, wähle ich selbstverständlich die Strahlenkiste. Beides hat ja eher weniger mit einem Grill zu run, auf dem man eine Rostbratwurst für gewöhnlich zubereitet, aber das haben die Jungs bei Böklunder bestimmt in alter Alfredissimo-Manier "schon mal vorbereitet". Da wir nur einen Mikrowellenherd der ersten Generation mit lächerlichen 500 Watt besitzen, verlängere ich die Garzeit großzügig auf 5 Minuten.

Mikrowelle

Bereits nach ca. 20 Sekunden breitet sich im Umfeld der Mikrowelle ein interessanter Geruch aus. Durch die von mir mit einer Gabel fachgerecht perforierten Folie zischt das verdampfende Wasser der einzelnen Zutaten. Wie ja jedes Kind weiß, erhitzen die Strahlen des Herds direkt das Wasser im Essen, was leider auch den Nachteil hat, dass Zutaten verschiedener Dichte unterschiedlich schnell heiß werden. Oder so ähnlich, Physik ist schon etwas länger her. Naja, nach viereinhalb Minuten wird mir das Zischen und der dichte Nebel im Herd zu viel und ich beende den Garvorgang, hole die Plastikverpackung aus dem Gerät und öffne mit innerer Anspannung die Schutzfolie.

Currywurst

Nun, der erste optische Eindruck lässt einen das Dargebotene durchaus als eine Portion Currywurst erkennen. Eingermaßen wohlverteilt liegen die einzelnen Scheiben der Wurst in einer recht dickflüssigen Soße. Bei genauerem Hinsehen allerdings entpuppt sich die Sauce am rechten Rand als sehr zähflüssig und an der Schalenkante als bereits geronnen und leicht angeschmort. Dies kann man durchaus auf meine Verlängerung der Garzeit zurückführen. Bevor ich nun also den Geschmackstest starte, rühre ich das Gericht lange und gründlich um. Danach mache ich einen Geruchstest und rieche da: es duftet fast gar nicht und das, was man riecht ist heißer Tomatenketchup aber keinerlei Curry-Aroma. Na klar, denkt sich nun der aufmerksame Leser, da ist ja auch noch nicht das "Curry-Gewürz" drauf. Stimmt. Also drauf damit und zum Vergleich direkt einmal die Verpackung mit dem Serviervorschlag dazugelegt.

Currywurst

Von der Optik her weist das Angerichtete durchaus eine gewisse Ähnlichkeit mit dem designten Food auf. Der Geruchswert des Currypulvers ist allerdings eher im unteren Bereich anzusiedeln. Folgt also nun, abschließend, die Geschmacksprobe. Stilecht im Stehen verspeise ich nun in einem Rutsch die gesamte Schale Currywurst. Erster und leider auch bleibender Eindruck ist die Konsistenz der Wurstscheiben. Leider ist überhaupt keine Spur eines Bratvorgangs festzustellen. Sollte es ihn je gegeben haben ist er durch die Strahlenkanone und den daraus resultierenden Kochvorgang perdu gegangen. Ich habe nicht unbedingt das Gefühl auf Kautschuk zu kauen, aber eine gewisse Widerspenstigkeit macht sich zwischen meinen Kauleisten breit. Dazu kommt der eigentliche Geschmack durch die Soße, der sich leider nur entfernt als curry-esque beschreiben lässt. Von Pikanterie, geschweige denn Schärfe, fehlt hier leider jede Spur, selbst das Currypulver verweigert jegliche Würzkooperation. Dafür schmecke ich künstliches Tomatenaroma und in meinem Kopf spuken eine Menge E's mit Nummern dahinter herum. Tapfer und im Auftrag der Wahrheit ziehe ich den Test aber selbstverständlich bis zum tomatigen Ende durch. Fertig.

Fazit: Ich werde hier gar nicht erst um den heißen Currybrei herumreden. Die Fertigcurrywurst entspricht genau ebenjener imaginären Wurst, die mich bereits seit Jahren beim Vorbeigang am Regal innerlich hat schaudern lassen. Optisch noch einigermaßen um den Eindruck der Echtheit bemüht zeigt sie sich im Abgang als artifizielles Monster, das jeder Beschreibung spottet und dem ich Soylent Grün vorziehen würde. Interessieren würden mich auch die Produktionsbedigungen, musste ich beim verspeisen doch intuitiv an die Essensfabrik des Tricatel in "Brust oder Keule" denken. Doch auch in Zukunft werde ich weiter in loser Folge die Niederträchtigkeiten deutscher Supermarktprodukte ausprobieren. It's a dirty job but someone's gotta do it. Euer Rossi Duchemin.

Donnerstag, 16. Februar 2006

Das Zitat des Tages

"Mein Atheismus war so radikal und felsenfest verankert, daß ich es nie geschafft hatte diese Themen wirklich ernst zu nehmen. Wenn ich während meiner Schulzeit mit einem Christen, einem Muslim oder einem Juden diskutierte, hatte ich immer den Eindruck gehabt, daß ihr Glaube nicht ganz ernst zu nehmen war; daß sie unmöglich an die Realität der vertretenen Dogmen glauben konnten, sondern daß es sich dabei um Erkennungszeichen oder eine Art Kennwort handelte, daß ihnen Zugang zur Gemeinschaft der Gläubigen verschaffte - etwa so wie es der Grunge oder Doom Generation für die Anhänger dieser Stilrichtungen bewirken konnte."
aus: Michel Houellebecq "Die Möglichkeit einer Insel".

Montag, 23. Januar 2006

The Beach Beuys

Heute vor 20 Jahren starb Joseph Beuys, Kunstrevolutionär, Niederrheiner und - wie vielleicht nicht jeder weiß - Sänger.
Sein großer Auftritt mit dem Anti-Pershing-Stück "Sonne statt Reagan" ist ein Glanzstück der Friedensbewegung und zeigt, welch geschmackvolle Klamotten und Frisuren anno 1982 angesagt waren.

Beuys singt

Dienstag, 17. Januar 2006

The freedom of choice

coca cola oder pepsi, sprite oder seven up, mars oder snickers, mercedes oder bmw, apple oder microsoft, rtl oder sat.1, bild oder b.z., dsds oder starsearch, marlboro oder west, lidl oder aldi, twoday oder myblog, intel oder intel, spd oder cdu, oskar oder gregor, alltours oder thomas cook, polo oder golf, frankfurter allgemeine oder süddeutsche, berlin oder hamburg, n-tv oder n24, jusos oder julis, atze schröder oder bully, blond oder brünett, vanille oder schokolade, rote oder grüne grütze, rinderwahn oder schweinepest, maul- und klauenseuche oder vogelgrippe, fantastische vier oder fettes brot, simpsons oder futurama, ny oder la, mallorca oder ibiza, anglophil oder francophil, waterkant oder alpen, kölsch oder pils, gott oder satan, persil oder ariel, cabinett oder f6, apfel oder birne, brille oder kontaktlinsen, homo oder hetero, softcore oder hardcore, lang- oder kurzstrecke, ikea oder ebay, vodafone oder e-plus, abstinent oder vollrausch, kokain oder speed, nederwiet oder eigenanbau, spreeblick oder sixtus, sixpack oder kiste, einweg oder mehrweg, ipod oder memorystick, plasma oder lcd, blu-ray oder hd-dvd, kartoffeln oder reis, mayo oder ketchup, sommer- oder winterreifen, anal oder vaginal, durex oder condomi, mtv oder viva, explosiv oder brisant, tatjana gsell oder kader loth, eminem oder 50cent, gottschalk oder jauch, übergewicht oder sportskanone, baden oder duschen, pest oder cholera, moskau oder washington, links- oder rechtsradikal, schwarz oder weiß, hippie oder punk, tee oder kaffee, zucker oder milch, schaltung oder automatik, nass- oder trockenrasur, österreich oder schweiz, holland oder belgien, oben oder unten liegen, munddusche oder zahnseide, gas- oder elektroherd, bundeswehr oder zivildienst, sparkasse oder deutsche bank, jägermeister oder tequila, kinder oder karriere, kombi oder coupé, pampers oder moltex, hipp oder alete, barbie oder zapf, playstation oder xbox, linux oder bsd, analog oder digital, vollkorn oder weissbrot, müsli oder haferflocken, lethargie oder aktivität, neureich oder altklug, lotto oder oddset, stehplatz oder tribüne, yahoo oder google, qvc oder hot, quelle oder kaufhof, wurst oder käse, fisch oder fleisch, macho oder softie, sauna oder solarium, saturn oder mediamarkt

Samstag, 17. Dezember 2005

Dada am Samstag

Ignore this Sign

Donnerstag, 8. Dezember 2005

Contents not included

Katz&Goldt haben einen Klamottenshop via Spreadshirt aufgemacht, der einige nette Motive führt. Ich hab mich natürlich nicht lumpen lassen und sofort mal eins bestellt. Als Anhänger sowohl puristischer Architektur und funktionalistischem Design, sowie englischer Wave-Bands der 1980er Jahre, gepaart mit einer Vorliebe für rheinische Kneipentradition konnte meine Wahl nur auf dieses Shirt fallen. Allerdings waren meine tief im Geheimen gehegten Hoffnungen, man würde mir vielleicht auch das Model mit den atemberaubenden Lippen mitliefern, enttäuscht. Konnten die das Mädchen nicht komplett ablichten? Argh!

Dienstag, 6. Dezember 2005

Tattoo-Inspiration

Da ich ja in Bälde mal wieder bei der Tätowiererin meines Vertrauens aufschlagen werde brauche ich noch etwas Inspiration, was die Motivwahl angeht. Eine großartige Auswahl, wie man es nicht machen sollte, findet sich bei Jackass und Wildboy Steve O. Alle seine gruseligen Inkschmiereien nebst lustigen Kommentaren hat er in einer Gallerie zusammengestellt.

Dienstag, 22. November 2005

Rezepte für Dilettanten II

Gerstern wollte ich mal schön Frikadellen machen oder Buletten wie man auch sagt. Dazu hatte ich einen Tag lang das tiefgefrorene Hackfleisch in die Nähe der Heizung postiert, damit dies schnell und gleichmäßig auftauen konnte und zudem möglichst alle Keime im Keim erstickt werden konnten. Länger als ein paar Stunden sollte es allerdings nicht in Brutwärme gelagert werden, da für die Keime gilt: manchmal kommen sie wieder. Wiedemauchsei: folgende Zutaten braucht man für Frikadellen: Hackfleisch, Eier, Paniermehl, Zwiebeln, Salz, Pfeffer. Das reicht. Alles andere sind Spirenzken. Leider stellte ich beim Beginn des Kochens, um exakt fünf Minuten vor Ladenschluß fest, dass ich weder genügend Salz noch Zwiebeln hatte, also musste ich auf Surrogate zurückgreifen. Folgende Zutaten blieben noch übrig:

500g Schweinehack (halb/halb war aus)
3 Eier
Paniermehl
5 Knoblauchzehen (Zwiebelsurrogat)
Chilipulver, Paprikapulver, Tomatensalz (Salzersatz)

Also wurde wie gehabt alles schön zusammengemanscht. Den Knoblauch hatte ich eher grob gehackt, die fünf mittelgroßen Zehen ergaben eine halb Hand voll, die vorsichtig unter die Hackmasse gehoben wurden. Diese hab ich dann zu sechs kleineren Frikadellen geformt und in die mit reichlich Sonnenblumenöl stark erhitzte Gußpfanne gelegt. Nach dem beitseitigem starken Anbraten ließ ich die Fleischpflanzerl noch ordentlich durchbrutzeln. Dazu gab es Kartoffeln, die ihre beste Zeit auch schon hinter sich hatten.
Der Verzehr der Frikadellen gestaltete sich trotz der Abwesenheit von Zwiebeln und Salz recht schmackhaft. Allerdings deutete sich währenddessen schon die starke Knoblauchnote an. Und gute 14 Stunden später kann ich zurecht sagen, dass es ein Glück ist, dass es noch kein Geruchsinternet gibt. Wenn man sich selber beim Atmen kaum riechen kann, sollte man eigentlich zu Hause bleiben oder just an diesem Tag seine schlimmsten Feinde besuchen.

Fazit: lecker, aber nur für unempfindliche Gemüter mit funktionierendem sozialen Umfeld. Zwei Frikadellen sind noch übrig, die gibts gleich zu Mittag.

Mittwoch, 16. November 2005

An Ordinary Day

„Du bist spät“ rief er der sich öffnenden Wohnungstür aus dem Wohnzimmer entgegen. „Ja, tut mir leid“ kam ihre Stimme zurück. Sie schloss die Tür hinter sich, stellte ihre Tasche ab und ging ins Wohnzimmer, wo er mit einem Bier vor dem Fernseher saß, es lief irgendeine Sportsendung über europäischen Fußball. „Ich hab noch ne alte Bekannte auf dem Heimweg in der City getroffen. Wir sind spontan was trinken gegangen und haben uns wohl verquatscht.“ Er roch eine leichte Fahne aus ihrer Richtung, zudem ein schweres Parfüm, das er etwas unangebracht für die tägliche Arbeit fand. „Du hättest ja mal kurz Bescheid sagen können, oder?“ brummte er, den Blick nur halb vom Bildschirm wegbewegend. „Es tut mir Leid, Schatz. Wir haben total die Zeit vergessen“ war ihre lapidare Antwort, während sie aus dem Zimmer ging und die Jacke ihres Business-Kostüms auszog.

„Du hast dir doch was zu essen gemacht, oder?“ schallte es aus dem Schlafzimmer, wo sie sich nun umzog. - „Hmm, ja.“ Seine Augen verfolgten weiterhin ein recht unbedeutendes Spiel aus der portugiesischen Liga, aber in seinem Kopf fing er an zu grübeln. In letzter Zeit kam sie häufiger mal später nach Hause als geplant, eigentlich sollte es ihn stören, dass sie so wenig Zeit füreinander hatten, aber er kam nicht umhin sich zu gestehen, dass er lieber Fußball schaute und Bier trank als sich die ewigen Geschichten aus ihrem Job anzuhören, der ja soviel spannender war als seiner. Früher war es irgendwie anders und besser. Sie waren jung, frisch verliebt und hatten jede Menge Zeit füreinander. Keine Sekunde konnte er sie aus den Augen lassen, ihre Gegenwart war wie ein Ecstasy-Trip für ihn. Sie vögelten damals wie die Wilden, gaben sich einer Rauschmelange aus Sex, Drogen und ja, so klischeehaft, Rock’n’Roll hin.

Irgendwann wurde sie ruhiger, fing an sich für Theater, Galerien und fernöstliche Philosophie zu interessieren. Sie machte sich plötzlich Gedanken um ihre Karriere. Dies waren alles Aspekte, denen er nichts abgewinnen konnte. Für ihn sollte sich am Besten niemals etwas ändern. Tief in seinem Inneren wusste er natürlich irgendwann, dass der Status Quo auf Dauer keinen Bestand haben kann, erst recht nicht, weil nur er ihn halten wollte. Seit einigen Jahren wohnten sie nun zusammen, waren in ihren Berufen angekommen und lebten das, was man so Alltag nennt. Während im Fernsehen mittlerweile über die englische Liga berichtet wurde, kam sie im Bademantel ins Zimmer. „Ich geh noch schnell in die Badewanne und danach direkt ins Bett, bin hundemüde“ unterrichtete sie ihn mit leicht schuldvollem Ausdruck in ihren Augen und küsste ihn auf die Stirn. „Kommst du dann auch gleich?“

„Ja, gleich. Gute Nacht“ kam es automatisch aus ihm heraus. Das war also nun ihr gemeinsames Leben, eine Beziehung zwischen Küchentisch und Doppelbett. Zeit hatten sie nur noch am Wochenende, da gab es aber auch ständig irgendwelche Verpflichtungen, sie hatte Reitunterricht und ihr Theater-Abo, er seine Fußball-Dauerkarte und den Dart-Stammtisch. Wenn sie gemeinsam etwas unternahmen war es meistens ganz schön und der Sex war dann auch gut, aber es kam nicht mehr oft vor. Sie waren beide erst um die 30 aber in kürzester Zeit schon so in einem Trott gelandet, dass er sich ernsthaft fragte, ob das nun für immer so weiterging. Sie würde sicherlich bald mit dem Thema „Kinder“ ankommen, eine Entscheidung, die er möglichst weit wegschieben wollte. Aber viel Zeit zum Wegschieben blieb nicht mehr. Warum roch sie noch so intensiv nach Parfüm zu so später Stunde? Er kam nicht drauf.

Im Fernsehen lief inzwischen Damentennis. Er schaute ein wenig zu, holte sich einen auf die junge Russin runter und beschloss, am nächsten Tag eine Affäre mit der allein stehenden Sekretärin aus der Personalabteilung anzufangen.

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