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Samstag, 4. Februar 2006

On the Nighttrain

Lange nicht mehr so lange Zug gefahren. 12h im Eurocity von Köln nach Wien, Hauptstadt einer kleinen Alpenrepublik. Respekt an die ÖBB, dass man hier noch richtige Abteile kennt und nicht diesen Hort intimer Zurückgezogensheit zugunsten zugiger Großraumwaggons geopfert hat. Das Abteil teilte ich mir mit nur einem Mitreisenden, so dass genug Platz war. Norbert, so hiess mein Begleiter, war 42 und Berliner im Exil. Bereits vor 15 Jahren verliess er seine verhasste Heimatstadt und zog an den Niederrhein. Wir palaverten Biertrinkend und erzählten uns aus unseren Leben, wobei er durchaus mehr zu erzählen hatte. Inzwischen wohnt er in der äusserten Ostslowakei, an der ukrainischen Grenze, in einem kleinen Bergkaff. Die Liebe hat ihn dorthin verschlagen, mühsam lernt er gerade die Sprache. Zum Arbeiten pendelt er regelmäßig nach Deutschland, bundesweit schafft er auf Baustellen - harte, ehrliche Arbeit. Dazu passte, dass er selber drehte, Schwarzer Krauser, der Tabak für Unempfindliche. Er berichtete von Hong Kong, wo er bei der Flughafenerweiterung mithalf, einkaserniert in mit Stacheldraht umzäunten Wohncontainern, ohne nur einmal in die City zu dürfen, monatelang. Er berichtete von seinen drei Kindern von drei Frauen, die er niemals sah, von denen er ausser der Kontoverbindung nichts wusste, das erste mal Vater wurde er mit 16, damals in Reinickendorf mit seiner Jugendliebe, die ihn noch schwanger verliess. In der Slowakei sei alles besser als in Deutschland, vor allem billiger. Das Bier in der eigenen, von der Frau geführten Kneipe kostet 40 Cent, ein Haus will er bauen, bevor der Euro eingeführt wird, dann wird ja alles teurer, kennt man ja. Zwei Jahre muss er dafür noch schuften, dann kann er sich dort selbständig machen und die Pendelei hat ein Ende. 24 Stunden dauert seine Reise nach Hause, fliegen geht nicht, weil alles eingeschneit ist. Wir besaufen uns, teilen das Bier und verstehen uns prima - trotz der gravierenden Unterschiede. Wieviel Persönliches man manchmal wildfremden Menschen, die man nie wieder sehen wird, anvertraut, ist schon eigenartig. Aber wahrscheinlich ist es gerade diese Unverbindlichkeit, die einen eine seltsame Art von Vertrauen aufbauen lässt. Am Wiener Westbahnhof endete meine Reise, für ihn war erst die Hälfte des Weges zurück gelegt. Ein kurzer Händedruck und schon liefen zwei vollkommen unterschiedliche Leben wieder auseinander.

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lame (Gast) - 6. Feb, 13:55

...fast wie in 'nem blog halt ;)

r0ssi - 6. Feb, 22:43

leider kann man hier aber kein bier zusammen trinken ;-)
nilz (Gast) - 6. Feb, 14:03

ich find solche begegnungen ja auch immer super. was man da immer für geschichten hört...manchmal will man das ja gar nicht, aber meistens ist es das spannendste am reisen.

r0ssi - 6. Feb, 22:44

in dem fall war es echt interessant und kein stück verkrampft. bei der rückfahrt hatte ich dann so ne omi, die mich morgens um 6h fragt, ob es in köln einen botanischen garten gibt. wtf?

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