Randgruppenselbsterfahrungstest

Im Dezember 1995 habe ich meinen Zivildienstlehrgang absolviert, der im schönen Witten-Herdeckte, am südöstlichen Rand des Ruhrgebiets, kurz vor dem Sauerland, stattfand. Dieser Lehrgang dauerte vier Wochen und war gerade so weit von zu Hause entfernt, dass es sich nicht lohnte nach Unterichtsende mit dem Auto dorthin zurück zu fahren. Wozu zum Geier hatte ich eigentlich den Wehrdienst verweigert, wenn ich trotzdem einkaserniert wurde? Zu allem Unglück hatte ich direkt am zweiten Tag Geburtstag und war heilfroh, dass zumindest ein flüchtiger Bekannter aus der Heimat mit am Start war, mit dem (und den "Stubenkameraden") ich mich an dem Abend betrinken konnte. Alkohol war sowieso die einzige Lösung, die Folterwochen zu überstehen. Der Campus - oder besser gesagt das ehemalige Schullandheim - lag auf einem Berg, die nächste City lag mit dem Auto 20 Minuten entfernt und leider lag soviel Schnee da oben, dass man ohne Schneeketten echt Probleme bekam und sich das Abenteuer für die freitägliche Ab- und montägliche Anreise reservierte.

Der Unterricht war nicht der Rede wert, es ging um die üblichen Vorgehensweisen bei Einschiffen, Oberschenkelhalsbrüchen, Erstickungserscheinungen, Dekubitus, Alzheimer, Multipler Sklerose, usw. Alles natürlich nur in der Theorie, also vollkommen unbrauchbar für die folgenden vierzehn Monate Praxis. Nach Unterrichtsschluss gegen 17h wurde dann zügig mit der Trinkerei angefangen, um dem schneematschgrauen Feierabendalltag zu entfliehen. Damals vertrug ich zwar recht viel, aber was da auf den Stuben weggesoffen wurde überstieg sogar meine von etlichen Hansa-Pils-im-Park-Besäufnissen trainiere Leberkapazität. Besonders in Zimmer 13 (Zufall?) war eine auf dem ganzen Gelände berüchtigte Alkoholikertruppe stationiert, die schon rein äußerlich eher zum Bund gepasst hätte. Zumindest hat sie mein damals noch ungetrübtes Bild des Zivis als idealstischen, pazifistischen, intellektiuell gut gerüsteten Bonvivant nachhaltig korrigiert. Es handelte sich um vier Kerle aus dem Coesfelder Kreis, die allesamt grobschlächtig und untersetzt waren, Oberlippenbart trugen und zudem eher wie 30 als wie 20 aussahen, vielleicht waren sie es auch. Einmal tranken wir Zimmerübergreifend mit einigen Leuten auf dem Flur, aber spätestens als sich zwei von denen nach dem Exen einer Flasche Schnaps quer über die Zimmerflucht übergaben, war mein Interesse an weiteren Get-togethers verflogen.

Absolutes Highlight der vier Wochen Zwangseinweisung aber war der Rollitest, die meisten Ex-Zivis unter den Lesern werden das kennen. In Zweiergruppen musste man mit einem Rollstuhl ausgestattet einen Tag lang Behinderter spielen, jeder mal für ein paar Stunden. Dazu verfrachtete man uns in Hagener Innenstadt und überließ uns unserem Schicksal. Zuerst setzte ich mich brav in den AOK-Chopper, immer daran denkend, dass ich ja meine Beine nicht bewegen durfte, selbst sie zu kratzen käme blöd, weil es einen da als Betroffenen nicht jucken konnte. Leider oder zum Glück war es an dem Tag ca. -10°C, so dass auch die blöde Wolldecke über meinen Beinen nichts half und ich mich nach einer halben Stunde tatsächlich querschnittgelähmt fühlte, da ich unterhalb des Rumpfes vor Kälte nichts mehr spürte. Mit der so noch realistischeren Simulationsprämisse ging es dann an so tolle Aufgaben, wie: "Erfahrt, wie entwürdigend es ist, über den Lastenaufzug in ein Geschäft im ersten Stock zu müssen" und ähnliche Episoden aus unserem in der Tat nicht besonders barrierefreien Land. Die Aufgaben sollten wir anhand einer Liste abarbeiten und bei aller Empathie für Leute mit diesem Handicap muss ich aber sagen, dass das alles Kokolores war, um es mal in der Sprache der Gegend zu benennen.

Natürlich ist die Hagener Fußgängerzone nicht die 5th Avenue und jeder halbwegs aufmerksame Zeitgenosse musste - spätestens nachdem wir die Rollen tauschten - merken, wo der Hase im Pfeffer lag. Nicht nur in den Geschäften, selbst auf der Strasse wurden wir nach unserem Schichtwechsel, als ich "endlich" schieben durfte, erkannt. "Na Jungs, habter getauscht?" rief uns ein Händler aus irgendeinem Stand fröhlich hinterher. Na super, nicht nur froren wir uns buchstäblich den Arsch ab, unser Tun hatte auch überhaupt keinen Sinn, da jeder Blinde unser Spiel längst durchschaut hatte. Also brachen wir beide das Experiment ab und verdufteten zur nächsten Glühweinbude am Hagener Weihnachtsmarkt. Dort stellten wir den Rolli in die Ecke und wärmten uns innerlich auf. Nach einigen Glühwein mit Schuß wurde die Rolli-experience dann doch noch richtig lustig, in dem wir neue Geschwindigkeitsrekorde in der Fußgängerzone aufstellten, diesmal wechselten wir ganz offensichtlich die Rollen und nicht in einer ruhigen Gasse wie zuvor, war ja nun eh alles egal. Zum Glück blieb es bei diesem einen Praktikum, das ursprünglich anvisierte "Blinder-geht mit-Begleitung-Spiel" wurde nach unseren Protesten mit Hinweis auf das Glatteis verworfen. So saßen wir den Rest der Tage bis Weihnachten und Lehrgangsende bei kühlem Bier in der warmen Stube auf dem wieder aufgewärmten Hintern ab.

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