Die besten Jobs der Welt für Teenager
Heute: Zeitschriften austragen.
Es war im Winter 1989/90 - Revolution wehte durch das Land, man saß gebannt vor dem Fernseher und freute sich, demnächst keine Pakete mehr ins Erzgebirge schicken zu müssen, sondern sie persönlichvorbeizubringen abholen zu lassen. Ich war gerade 14 geworden und mir klang gerade noch der schiefe Singsang von Kohl/Diepgen & Co. auf dem Rathausbalkon in Schöneberg in den Ohren als ich just entschloß, dass es nun an der Zeit sei, mal eine Tätigkeit auszuüben um mein Taschengeld aufzubessern. Einen kausalen Zusammenhang mit dem Mauerfall gibt es nicht, das passte nur gerade so schön dazu.
In der "Bravo", dem Zentralorgan pubiertierender Menschen, stiess ich auf eine Anzeige, die jedem ab 14 mit Fahrrad oder Mofa einen Job als Zeitschriftenverteiler anbot. Also schrieb ich hin und wartete. Und wartete. Und wartete. Als die 2+4-Gespräche schon recht weit fortgeschritten waren erhielt ich dann eine Antwort. Ein Herr von der Abonnement Vertriebsgesellschaft AVG rief mich an vereinbarte mit mir einen Haustermin, meine Mutter solle auch anwesend sein, weil ich ja noch nicht vertragsfähig sei. Ein paar Tage später kam der ältere Herr im Anzug zu uns nach Hause, er war recht seriös und roch penetrant nach kaltem Tabakrauch. Er stellt das System vor und schloss den Vetrag über ein Jahr mit mir ab. Drunter ging also nicht.
So bekam ich nun jede Woche einen Stapel von knapp 100 Zeitschriften. Davon waren ca. 60% "TV Hören und Sehen", der Rest bestand aus "Bravo" (womit ich Geld gespart hatte, weil ich sie nun schon einen Tag vorher lesen konnte), "Stern", "Quick" (mittlerweile eingestellt), und: "Praline", "Wochenend" und "Neue Revue". Letztere Schmuddelblättchen fanden natürlich bei mir und meinem Freundeskreis ihr besonderes Interesse. Wo sonst strippte jede Woche "Das Mädchen von nebenan" und ich konnte nun qua aus beruflichem Interesse immer eine Probelesung vornehmen. Soweit, so gut.
Nun hatte dieser Job einen gravierenden Nachteil: die Hefte waren in der Mehrheit noch nicht bezahlt, was zur Folge hatte, das ich bei jedem Abonnenten kassieren musste. Also erstmal Wechselgeld besorgen, dann hinradeln, klingeln, hoffen es ist jemand da, hochlatschen, Zeitung an der Tür verkaufen und zum nächsten Kunden. Das ist nicht nur zeitauwändig sondern auch nervig, falls jemand nicht da war. Dann nämlich musste ich die Zeitschrift in den Briefkasten stecken und - jetzt kommts - das Geld bis zur nächsten Woche aus eigener Tasche vorstrecken. Die AVG erwartete nämlich immer freitags meine Postbank-Überweisung.
Die Kunden waren der andere Casus Knaxus dieses Jobs. Ich trug die Zeitschriften nicht nur im Villenviertel rund um den Gladbacher Bökelberg, sondern auch in Untereicken aus. Das ist eine Gegend, die in den Kaufkraftstatistiken, die anhand von Payback-Karten erstellt werden, eher rötlich eingefärbt sein dürfte. Und wer sich von 14jährigen die "Praline" nach Hause liefern lässt sieht auch tatsächlich aus wie erwartet. Ich erinnere mich an einen, der um die 50 war, fett, grundsätzlich immer ausschließlich eine viel zu enge Unterhose trug und neben sich einen Rehpinscher (a.k.a. Ratte) durch die Wohnung laufen hatte. Nüchtern hab ich den auch nie erlebt - dafür hatte er wenigstens immer die 2Mark40 passend. Andere Kunden wohnten in Altersheimen ("Frau im Spiegel") oder auch im Gefängnis, was das Abkassieren schwierig machte.
Die Kunden zahlten übrigens nicht nur den Heftpreis, sondern auch eine Extrapauschale für die Lieferung. Da jeder Verlag Abos zum günstigeren Preis als im Laden anbietet ging mir schnell auf, dass die Leute samt und sonders ihre Abos von Drückerkolonnen haben mussten. Das Jahr ging um, Deutschland (also auch Du) war inzwischen wieder vereinigt und Fußballweltmeister und ich sah schnell zu, dass ich den Job los wurde. Der Tabakrauch-Mann war irritiert und ich erklärte ihm, dass der Job an Ausbeuterei grenzte und zudem eklig war. Dass ich mittlerweile auch eine feste Freundin hatte und lieber netteren Freizeitbeschäftigungen naching verschwieg ich lieber.
(via Inpiration des heutigen Spreeblick-Podcast)
Es war im Winter 1989/90 - Revolution wehte durch das Land, man saß gebannt vor dem Fernseher und freute sich, demnächst keine Pakete mehr ins Erzgebirge schicken zu müssen, sondern sie persönlich
In der "Bravo", dem Zentralorgan pubiertierender Menschen, stiess ich auf eine Anzeige, die jedem ab 14 mit Fahrrad oder Mofa einen Job als Zeitschriftenverteiler anbot. Also schrieb ich hin und wartete. Und wartete. Und wartete. Als die 2+4-Gespräche schon recht weit fortgeschritten waren erhielt ich dann eine Antwort. Ein Herr von der Abonnement Vertriebsgesellschaft AVG rief mich an vereinbarte mit mir einen Haustermin, meine Mutter solle auch anwesend sein, weil ich ja noch nicht vertragsfähig sei. Ein paar Tage später kam der ältere Herr im Anzug zu uns nach Hause, er war recht seriös und roch penetrant nach kaltem Tabakrauch. Er stellt das System vor und schloss den Vetrag über ein Jahr mit mir ab. Drunter ging also nicht.
So bekam ich nun jede Woche einen Stapel von knapp 100 Zeitschriften. Davon waren ca. 60% "TV Hören und Sehen", der Rest bestand aus "Bravo" (womit ich Geld gespart hatte, weil ich sie nun schon einen Tag vorher lesen konnte), "Stern", "Quick" (mittlerweile eingestellt), und: "Praline", "Wochenend" und "Neue Revue". Letztere Schmuddelblättchen fanden natürlich bei mir und meinem Freundeskreis ihr besonderes Interesse. Wo sonst strippte jede Woche "Das Mädchen von nebenan" und ich konnte nun qua aus beruflichem Interesse immer eine Probelesung vornehmen. Soweit, so gut.
Nun hatte dieser Job einen gravierenden Nachteil: die Hefte waren in der Mehrheit noch nicht bezahlt, was zur Folge hatte, das ich bei jedem Abonnenten kassieren musste. Also erstmal Wechselgeld besorgen, dann hinradeln, klingeln, hoffen es ist jemand da, hochlatschen, Zeitung an der Tür verkaufen und zum nächsten Kunden. Das ist nicht nur zeitauwändig sondern auch nervig, falls jemand nicht da war. Dann nämlich musste ich die Zeitschrift in den Briefkasten stecken und - jetzt kommts - das Geld bis zur nächsten Woche aus eigener Tasche vorstrecken. Die AVG erwartete nämlich immer freitags meine Postbank-Überweisung.
Die Kunden waren der andere Casus Knaxus dieses Jobs. Ich trug die Zeitschriften nicht nur im Villenviertel rund um den Gladbacher Bökelberg, sondern auch in Untereicken aus. Das ist eine Gegend, die in den Kaufkraftstatistiken, die anhand von Payback-Karten erstellt werden, eher rötlich eingefärbt sein dürfte. Und wer sich von 14jährigen die "Praline" nach Hause liefern lässt sieht auch tatsächlich aus wie erwartet. Ich erinnere mich an einen, der um die 50 war, fett, grundsätzlich immer ausschließlich eine viel zu enge Unterhose trug und neben sich einen Rehpinscher (a.k.a. Ratte) durch die Wohnung laufen hatte. Nüchtern hab ich den auch nie erlebt - dafür hatte er wenigstens immer die 2Mark40 passend. Andere Kunden wohnten in Altersheimen ("Frau im Spiegel") oder auch im Gefängnis, was das Abkassieren schwierig machte.
Die Kunden zahlten übrigens nicht nur den Heftpreis, sondern auch eine Extrapauschale für die Lieferung. Da jeder Verlag Abos zum günstigeren Preis als im Laden anbietet ging mir schnell auf, dass die Leute samt und sonders ihre Abos von Drückerkolonnen haben mussten. Das Jahr ging um, Deutschland (also auch Du) war inzwischen wieder vereinigt und Fußballweltmeister und ich sah schnell zu, dass ich den Job los wurde. Der Tabakrauch-Mann war irritiert und ich erklärte ihm, dass der Job an Ausbeuterei grenzte und zudem eklig war. Dass ich mittlerweile auch eine feste Freundin hatte und lieber netteren Freizeitbeschäftigungen naching verschwieg ich lieber.
(via Inpiration des heutigen Spreeblick-Podcast)
r0ssi - 28. Sep, 11:35
2 Kommentare - Kommentar verfassen - 0 Trackbacks
Klinkinho - 28. Sep, 16:31
also
ich schreib getz ma nix zu meinem bäckerjob. abba duelp und ich haben bei der christlíchen familie ähnliche probleme hinsichtlich der zahlungsmoral unserer kunden gehabt. abgesehen davon hab ich mich 4 monate lanf in dem rosa hochhaus in windberg verlaufen.
r0ssi - 28. Sep, 22:44
doch, schreib mal was zu dem bäckerjob, ich erinnere mich dunkel an viele lustige stories. was ist denn "christliche familie?"







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