Mittwoch, 16. November 2005

An Ordinary Day

„Du bist spät“ rief er der sich öffnenden Wohnungstür aus dem Wohnzimmer entgegen. „Ja, tut mir leid“ kam ihre Stimme zurück. Sie schloss die Tür hinter sich, stellte ihre Tasche ab und ging ins Wohnzimmer, wo er mit einem Bier vor dem Fernseher saß, es lief irgendeine Sportsendung über europäischen Fußball. „Ich hab noch ne alte Bekannte auf dem Heimweg in der City getroffen. Wir sind spontan was trinken gegangen und haben uns wohl verquatscht.“ Er roch eine leichte Fahne aus ihrer Richtung, zudem ein schweres Parfüm, das er etwas unangebracht für die tägliche Arbeit fand. „Du hättest ja mal kurz Bescheid sagen können, oder?“ brummte er, den Blick nur halb vom Bildschirm wegbewegend. „Es tut mir Leid, Schatz. Wir haben total die Zeit vergessen“ war ihre lapidare Antwort, während sie aus dem Zimmer ging und die Jacke ihres Business-Kostüms auszog.

„Du hast dir doch was zu essen gemacht, oder?“ schallte es aus dem Schlafzimmer, wo sie sich nun umzog. - „Hmm, ja.“ Seine Augen verfolgten weiterhin ein recht unbedeutendes Spiel aus der portugiesischen Liga, aber in seinem Kopf fing er an zu grübeln. In letzter Zeit kam sie häufiger mal später nach Hause als geplant, eigentlich sollte es ihn stören, dass sie so wenig Zeit füreinander hatten, aber er kam nicht umhin sich zu gestehen, dass er lieber Fußball schaute und Bier trank als sich die ewigen Geschichten aus ihrem Job anzuhören, der ja soviel spannender war als seiner. Früher war es irgendwie anders und besser. Sie waren jung, frisch verliebt und hatten jede Menge Zeit füreinander. Keine Sekunde konnte er sie aus den Augen lassen, ihre Gegenwart war wie ein Ecstasy-Trip für ihn. Sie vögelten damals wie die Wilden, gaben sich einer Rauschmelange aus Sex, Drogen und ja, so klischeehaft, Rock’n’Roll hin.

Irgendwann wurde sie ruhiger, fing an sich für Theater, Galerien und fernöstliche Philosophie zu interessieren. Sie machte sich plötzlich Gedanken um ihre Karriere. Dies waren alles Aspekte, denen er nichts abgewinnen konnte. Für ihn sollte sich am Besten niemals etwas ändern. Tief in seinem Inneren wusste er natürlich irgendwann, dass der Status Quo auf Dauer keinen Bestand haben kann, erst recht nicht, weil nur er ihn halten wollte. Seit einigen Jahren wohnten sie nun zusammen, waren in ihren Berufen angekommen und lebten das, was man so Alltag nennt. Während im Fernsehen mittlerweile über die englische Liga berichtet wurde, kam sie im Bademantel ins Zimmer. „Ich geh noch schnell in die Badewanne und danach direkt ins Bett, bin hundemüde“ unterrichtete sie ihn mit leicht schuldvollem Ausdruck in ihren Augen und küsste ihn auf die Stirn. „Kommst du dann auch gleich?“

„Ja, gleich. Gute Nacht“ kam es automatisch aus ihm heraus. Das war also nun ihr gemeinsames Leben, eine Beziehung zwischen Küchentisch und Doppelbett. Zeit hatten sie nur noch am Wochenende, da gab es aber auch ständig irgendwelche Verpflichtungen, sie hatte Reitunterricht und ihr Theater-Abo, er seine Fußball-Dauerkarte und den Dart-Stammtisch. Wenn sie gemeinsam etwas unternahmen war es meistens ganz schön und der Sex war dann auch gut, aber es kam nicht mehr oft vor. Sie waren beide erst um die 30 aber in kürzester Zeit schon so in einem Trott gelandet, dass er sich ernsthaft fragte, ob das nun für immer so weiterging. Sie würde sicherlich bald mit dem Thema „Kinder“ ankommen, eine Entscheidung, die er möglichst weit wegschieben wollte. Aber viel Zeit zum Wegschieben blieb nicht mehr. Warum roch sie noch so intensiv nach Parfüm zu so später Stunde? Er kam nicht drauf.

Im Fernsehen lief inzwischen Damentennis. Er schaute ein wenig zu, holte sich einen auf die junge Russin runter und beschloss, am nächsten Tag eine Affäre mit der allein stehenden Sekretärin aus der Personalabteilung anzufangen.

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